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Aktion 2009 - Die Vätternrundfahrt in Schweden
 
Der Vätternsee ist Schwedens zweitgrößter See. Einmal im Jahr treffen sich hier 17000 Radfahrer die sich der Herausforderung stellen diesen See zu umrunden und zwar die komplette Distanz von 300 Kilometern nonstop.

Nur eine Hand voll Handbiker war bis jetzt dabei aber noch keine Tetraplegiker. Das wollten wir, Jürgen Winkler und Ich, dieses Jahr ändern. Die Idee zur Teilnahme entstand letztes Jahr relativ spontan. Vor 10 Jahre bin ich meinen ersten Marathon gefahren und in der Zwischenzeit folgten ca. 40 Marathons. Alaska war jetzt auch schon 6 Jare her. Nun war es mal wieder Zeit für was Großes, eine richtige Herausforderung und dann war klar jetzt bleibt nur noch die Langdistanz.

Diesmal wollte ich aber nicht allein fahren. Jemand zu finden der verrückt genug war sich so was anzutun war nicht schwer. Ich kannte Jürgen ja schon eine Weile und da war klar; dass nur er in Frage kommt. Ich musste ihn auch nicht lang überreden da er sofort von der Idee begeistert war. Die Anmeldung im Oktober war dann nur Formsache. Ab Dezember ging es dann an die Vorbereitung. Es war mal wieder das gehasste Training auf der Rolle angesagt und diesmal das harte Programm. Unter 2,5 Stunden pro Einheit lief nichts. Zum Glück ging das nur den Dezember so, denn im Januar war ja wieder Lanzarote angesagt. Hier gabs dann die ersten langen Einheiten wo mal die 100 Kilometer angekratzt wurden. 100 Kilometer ist ja jetzt für Paras nicht so viel aber als Tetra gehen da halt mal schnell 6 Stunden für drauf. Lanzarote war also mal ein Vorgeschmack auf lange Distanzen. Von denen folgten dann noch einige zu Hause. Ausgebaut wurde das Traing dann auf Einheiten bis zu 170 Kilometer am Stück. Um es kurz zu machen, bis zum Rennen kamen dann 4000 Kilometer zusammen was aber nicht leicht war diesmal denn das Wetter spielte oft nicht mit und meine Motivation war oft auch nicht grad die Beste. Jürgen war da deutlich fleißiger und ich machte mir ziemliche Sorgen ob ich mit ihm mithalten könnte denn schließlich wollten wir ja das Rennen gemeinsam fahren.

Dann war es endlich soweit der 12. Juni stand vor der Tür und wir waren endlich in Schweden. Richtig vorstellen konnte sich keiner von uns beiden was da auf uns wartete. Ich bin relativ naiv an die ganze Sache rangegangen. Ich wusste das 150 Kilometer im Rad kein Problem sind und da war meine einfache Rechnung 300 Kilometer sind grad mal das Doppelte, das kann schon nicht so schlimm werden und das wird schon machbar sein. Ich hab das ganz bewusst so gemacht um mich nicht verrückt zu machen. Ich wollte auch von der Strecke nichts wissen denn Berge sind da, ob ich das jetzt vorher weiß oder nicht würde sie auch nicht flacher machen. Ich hab mich dann doch überreden lassen einen Tag vor dem Rennen mal die ersten 100 Kilometer mit dem Auto abzufahren und ich war geschockt von dem Profil. Das hätte ich mir besser mal gespart denn jetzt war ich das erste mal etwas beunruhigt. Dazu kam noch, dass wir sehr bescheidenes Wetter hatten und die Vorhersagen für den nächsten Tag waren auch nicht besser.

Der Renntag fing relativ gelassen an da wir ja erst um 19 Uhr starten mussten. Es gab also ein ausgiebiges Frühstück dann haben wir alles zusammengepackt und dann ging es vom Hotel in Linköping nach Motala wo der Start war. Hier waren dann auch schon alle Vorbereitungen in vollem Gang und es kam ein wenig Rennstimmung auf. Das Wetter verhieß allerdings nichts gutes. Um 15 Uhr fing es in Strömen an zu regnen und wir machten uns wirklich Gedanken, ob wir unter diesen Umständen überhaupt an den Start gehen sollten. Das war kein normaler Regen, das waren Sturzbäche die da vom Himmel kamen. Erst gegen 17 Uhr ließ dann der Regen nach bis es schließlich aufhörte. Jetzt war es nur noch kalt aber wenigstens nicht mehr so nass. Das einzig Gute an der Sache war, es gab keine Zweifel mehr bei der Kleiderwahl. Ich hab einfach alles angezogen was ich dabei hatte gegen die Kälte und die Regenkleidung drüber denn der Himmel war nach wie vor bedeckt. Also jetzt wurden die Räder fertig gemacht und wir setzten uns rein und rollten zum Start. Viel Zeit blieb uns nicht mehr da wir schon ne ganze Weile brauchten bis alles vorbereitet war. Unsere Begleiterinnen Katha und Daniela haben hier das erste mal großartige Arbeit geleistet beim schrauben, pumpen, kleben, festzurren usw usw.

Wir durften in der ersten Gruppe um 19 Uhr starten. Nach uns ging es dann ab 20 Uhr im Zweiminutentakt für das restliche Feld auf die Strecke. Die letzten starteten morgens um 6 Uhr. Der Startschuß kam und von jetzt ab hatten wir also 29 Stunden Zeit die Strecke zu schaffen. Unser Ziel war es unter 24 Stunden zu bleiben. Das wäre dann ein 15ner Schnitt also 20 Stunden Fahrzeit und 4 Stunden für Pausen. So zumindest die Theorie.

Im vergleich zu einem Marathon ging es diesmal sehr locker los. Wir konnten die ersten Meter noch locker mit den Radfahrern mithalten denn auch die ließen es gemütlich losrollen. Nach wenigen Kilometern hatten wir dann unseren Rhythmus gefunden wobei ich sagen muss, dass Jürgen eindeutig schneller hätte fahren können. Aber da wir zusammenbleiben wollten passte er sein Tempo meinem an und es lief richtig gut. Wind ging so gut wie keiner und wir fuhren nebeneinander und zwar schneller als wir beide dachten. Dann kamen auch schon die ersten Anstiege. Vom Tag vorher wusste ich ja was uns die ersten 100 Kilometer erwarten würde. In gleichmäßigem Tempo ging es dann die Berge hoch und auf den Abfahrten konnte man es richtig laufen lassen. Nach 20 Kilometern gab es dann die erste kurze Pause. Unser Begleiterinnen, die mit dem Auto vorausgefahren sind, warteten am Straßenrand und haben uns dann nach Wunsch mit allem Nötigen versorgt. Zu Beginn gab es erst mal lecker Powerbar dann frische Getränke, Wasser mit Kohlehydratpulver, alles was der Sportler halt so mag. Ehrlich gesagt schmeckt das Zeug bescheiden aber es erfüllt seinen Zweck. Nach 2 Minuten ging es dann auch schon weiter.

Jetzt wurde das ganze aber erst richtig spannend da es wieder zu regnen anfing und es dauerte nicht lang bis wir völlig durchgeweicht waren. Erst fing es an, dass das Wasser vom Gesicht am Hals entlang lief und sich unter der Regenjacke verteilte. Hauptsächlich auf der Brust. Nach einer Weile weichten dann die Ellenbogen durch vom Spritzwasser der Hinterräder und das alles bei 10 Grad Außentemperatur. Es dauerte dann nicht lang bis uns richtig kalt wurde. Trotz allem waren wir noch gut gelaunt und es lief weiterhin gut.

Die Dunkelheit brach dann langsam mal herein und da entstand eine gigantische Atmosphäre. Es gab leichten Nebel der durch hunderte roter Rücklichter der Fahrräder eingefärbt wurde. Dann noch die Stille der Nacht, es war nur das surren der Ketten zu hören. Diese Phase des Rennens war wirklich was ganz besonderes. Gesehen hat man aber nicht mehr viel und man musste ganz schön aufpassen wo man hinfährt.

Wir haben dann irgendwann Jöhnköpping erreicht, die einzige größere Stadt auf der gesamten Strecke und das untere Ufer des Sees. Somit war die erste größere Etappe erreicht, für den Kopf war das sehr wichtig. Wir waren allerdings froh als es wieder rausging aus der Stadt denn außerhalb der Stadt machte das Fahren mehr Spaß. Wir hatten jetzt auch die ersten 100 Kilometer hinter uns und zwar in 6 Stunden und 20 Minuten. Wir waren beide überrascht, dass es so gut lief.

Jürgen baute jetzt aber etwas ab und jetzt musste ich ab und zu etwas langsamer machen. Was ich wirklich gern tat denn schließlich hat er die ersten 100 Kilometer auch Rücksicht auf mich genommen. Langsam graute der Morgen dann schon wieder und mit dem Morgengrauen kam leider wieder Regen auf. Es dauerte nicht lang bis wir erneut völlig durchnässt waren und diesmal schlug es wirklich aufs die Stimmung. Wir waren ja jetzt schon etliche Kilometer unterwegs und schon seit dem letzten Morgen wach das heißt wir waren körperlich nicht mehr die Fittesten und hundemüde und wenn man dazu noch nass ist und friert hebt das die Stimmung nicht besonders. Bei Kilometer 145 war es dann soweit, dass wir ernsthaft darüber nachdachten aufzugeben. Jeder wartete eigentlich nur darauf, dass der andere sagt, dass er aufgibt. Wir machten grad mal wieder ne Pause. Ich saß in Gedanken schon im Auto. Jetzt kam der große Auftritt unserer Mädels. Sie redeten auf uns ein und versuchten alles uns zu motivieren. Wir verabredeten, dass wir jetzt schon in 5 Kilometern wieder ne Pause machen dann hätten wir wenigstens die Hälfte geschafft. Ich weiß nicht wie aber wir sind dann einfach weitergefahren nach dem wir was warmes gegessen haben. Und auf dem Weg zum nächsten Stop hatte ich mich von den Gedanken wieder gelöst aufzugeben. Der Regen ließ zum Glück auch wieder nach und das Wasser unter der Regenjacke wurde langsam warm. Es kam ja kein neues kaltes Wasser von außen nach.

Jürgen und ich redeten von Kilometer zu Kilometer weniger miteinander. Jetzt war jeder für sich und allein mit seinen Gedanken. Mir ging nur im Kopf rum, dass die Hälfte zwar geschafft ist aber wir mindestens noch 10 Stunden unterwegs sein würden. Das war ziemlich heftig sich das vorzustellen. So nach und nach kam ich aber wieder in meinen Rhythmus der sich leider von Jürgens etwas unterschieden hat. Er schlug mir vor dass wir uns trennen. Ich lehnte das immer wieder ab, denn ich wollte das Rennen zu zweit starten und auch zu zweit beenden. Aber irgendwann machte es keinen Sinn mehr. Wir beschlossen dann bei Kilometer 200 uns zu trennen. Es dauerte dann auch nicht lang bis ich einiges an Vorsprung hatte. Von Anfang an hat uns unterschieden, dass Jürgen an den Steigungen schneller war als ich aber auf der Ebene und bergab war ich etwas schneller, das hieß, dass ich jetzt allein zwar die Berge etwas langsamer anging aber auf der Ebene und bergab ließ ich es jetzt etwas schneller angehen. Vor allem bergab hab ich reingehauen. Es macht einfach zu viel Spaß mal an den ganzen Radfahrern vorbei zu fahren die hier nur wenig Chancen haben mitzuhalten, vor allem wenn sie schon über 200 Kilometer in den Beinen hatten, da lassen es dann viel nur noch rollen. Klar wurde ich spätestens nach den Abfahrten vom kompletten Feld wieder eingesammelt aber das war ja dann auch egal.

Immer wieder kamen diese echt harten Anstiege im Laufe des Rennens. Einige Radfahrer stiegen sogar ab um die Berge zu bezwingen andere mussten zumindest aus dem Sattel. Das nur mal um zu verdeutlichen um was für Berge es sich handelte. Also sanfte Anstiege waren das nicht.

Dann kam irgendwann das Schild "noch 70 Kilometer". Ab da hab ich tatsächlich angefangen rückwärts zu zählen. Beim Marathon fang ich damit frühestens bei Kilometer 35 an. Die Dimensionen verschieben sich halt etwas bei so nem Rennen.

Langsam machten sich dann aber bei mir die ersten muskulären Probleme bemerkbar. Vor allem an den Bergen fing die linke Schulter an zu schmerzen. Bei jeder Kurbelumdrehung schoss es mir durch den Arm was sehr unangenehm war. Die erste Zeit nach dem ich mich von Jürgen getrennt habe hab ich meine Vorsprung immer etwas ausgebaut. Jetzt wo es aber wieder bergiger wurde holte er langsam wieder auf. Die Mädels hielten mich bei den Pausen immer auf dem Laufenden. Irgendwann war es dann soweit, dass ich nur noch 5 Minuten vor ihm war. Mittlerweile war es ja schon wieder Nachmittag. Das Wetter hatte sich gebessert und ich beschloss auf Jürgen zu warten. In der Zeit hab ich meine Regenjacke ausgezogen da es doch sehr warm wurde. Kurz darauf war auch schon Jürgen da. Er sah zwar müde aus hatte sich aber etwas erholt und wir konnten die letzten 20 Kilometer wieder zusammen fahren.

Die zogen sich aber noch mal richtig in die Länge. Extreme Anstiege kamen zwar keine mehr trotzdem ging es dauerhaft nur bergauf und bergab. Das wollte einfach kein Ende nehmen.

5 Kilometer vor dem Ziel hatten wir dann endlich das Gefühl dass es dem Ende zuging. Dann kam die Ortseinfahrt von Motala. Nur noch 2 Kilometer bis ins Ziel, dann nur noch einer und schließlich war das Ziel zu sehen. Richtig euphorisch war keiner von uns beiden beim überqueren der Ziellinie aber sehr erleichtert dass es endlich geschafft war. Was wir da geschafft haben war uns auch nicht richtig bewusst. Selbst im Ziel war das immer noch irgendwie unvorstellbar, das wir gerade 300 Kilometer in 22 Stunden und 17 Minuten gefahren sind. Die Reine Fahrzeit betrug übrigens ca. 20,5 Stunden. Der Rest waren dann Pausen.

Jetzt gabs nur noch die Medallie und dann war das Wichtigste erst mal aus dem Rad raus zu kommen. Fast 24 Stunden in der Kiste waren dann doch genug.

Mein Fazit zu der Aktion, wenn man wissen will wo seine körperlichen Grenzen liegen, dann sollte man dieses Rennen fahren. Also ich hab meine Grenzen gefunden. Es ist ein schönes Gefühl sie zu entdecken aber ein hartes Stück Arbeit.

Der Muskelkater dauerte übrigens 3 Tage :-)

Ein ganz besonderer Dank geht an dieser Stelle an unsere Begleiterinnen Daniela und Katha, die schließlich auch die ganze Zeit wach waren und immer fleißig alle paar Kilometer am Straßenrand auf uns gewartet haben um uns zu verpflegen. Ohne die beiden wäre das Ganze nicht möglich gewesen.

BeJo